Logo
Aktuell
Bauen und Wohnen
Bündnis für Familien
Bildung und Kultur
Flüchtlingsinitiative
Freizeit und Sport
Gästebuch
Gemeindefeuerwehr
Infos und Kontakt
Kinder und Jugend
Online-Briefkasten
Ortschaften
Rat und Verwaltung
Standesamt
Tourismus
Vereine und Verbände
Vermietungen
Versorgungsbetriebe
Wirtschaft
Linkkatalog
Hinweise zur
Elektronischen
Kommunikation
Impressum
Von Angerstein nach Riga, des Sterbens wegen - Versuch einer Spurensuche
Foto Simon Hahn als Chargierter 1904 (liegend rechts)
Simon Hahn als Chargierter 1904 (liegend rechts)
Am 1. April 1933, wenige Wochen nach Hitlers Übernahme des Reichskanzleramtes, wurde als eine der ersten antisemitischen Maßnahmen der „Reichsboykotttag“ mit der Losung „Deutsche! Wehrt Euch! Kauft nicht bei Juden!“ verkündet. Auch aus dem kleinen Angerstein wissen Zeitzeugen über diesen Tag etwas zu berichten.

Hier lebte Simon Hahn (geb. 21.07.1871 in Rhina, Krs. Hünfeld) mit seiner Frau Gitta-Sara (geb. 09.06.1870 in Riehen / Baden). Eine Tochter, Selma (geb. 08.01.1899 in Aschaffenburg), heiratete einen Rechtsanwalt in Berlin. Der Sohn, (Moses) Max Hahn (geb. 17.03.1901 in Wunstorf / Neustadt a. Rübenberge), und seine Frau Frieda, geb. Schloß (geb. 31.03.1898), wohnten auch in Angerstein. Seinen Lebensunterhalt verdiente Simon Hahn und dann sein Sohn Max, indem sie bei der Göttinger Lebensmittelgroßhandlung Henjes & Beißner vorbestellte Waren zu den Lebensmittelhändlern und Krämern auf den umliegenden Dörfern lieferten. Auch kauften sie Felle und Häute auf. Übrigens spielte er ausgezeichnet Cello, wie die Tochter eines seiner Angersteiner Freunde sich erinnert.

Foto Simon Hahn
Simon Hahn
Simon Hahn ist auf zwei Fotos des fünftägigen Schützenfests vom Juli 1904 abgebildet. Einmal ist er einer unter beinahe hundert Abgebildeten, das andere Mal ist er einer von 27, von denen ein jeder einen Säbel hat. Folglich sehen wir hier das Corps der Chargierten vor uns, und Simon Hahn war einer von ihnen. Mit einer Rotkreuzbinde am Arm liegt er zu Füßen des Bürgermeisters Heinrich Kurre (mit Zylinder), neben dem der Gemeindedirektor Ökonom und Gutsbesitzer Franz von Daake posiert.

Foto Häuserreihe
Simon Hahn nahm als Frontkämpfer am I. Weltkrieg teil. Auf seine Initiative hin konnten 1924 er und fünf weitere ehemalige Kriegsteilnehmer am Ortseingang auf Mariensteiner Klosterland drei eingeschossige Doppelhäuser bauen. Im Jahre 1928 bewegte er seinen Doppelhausnachbarn dazu, auch mit aufzustocken (letztes Haus rechts im Bild).

Foto Haus
Durch spätere Fassadenneugestaltung der anderen Doppelhaushälfte wurde die damals stolz gemeinsam an der Gaube angebrachte Jahreszahl 1928 halbiert. So sehen wir, wenn wir den Blick erheben, oben am Haus Göttinger Straße 9 nur noch eine 28. Simon Hahns Sohn Max Hahn war aktiv im damals bestehenden Angersteiner Turnverein und bekleidete das Amt des Kassenwarts. 1933 war das Jahr der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten unter Hitler. Aus den Reichstagswahlen im Nov.1932 war die NSDAP mit 33,1% als stärkste Partei hervorgegangen. Am 30. Jan. 1933 wurde Hitler zum Reichskanzler ernannt. Nun ging es Schlag auf Schlag: Verordnung zum Schutze des dt. Volkes (Einschränkung von Presse- u. Versammlungsfreiheit, 04.02.), Verordnung zum Schutz von Volk u. Staat (Aufhebung wesentlicher Grundrechte, 28.02.). Bei den Neuwahlen am 05. März erhielt die NSDAP nur 43,9% der Stimmen. Und dennoch ging es weiter: Bildung des Reichsministeriums für Volksaufklärung u. Propaganda unter Goebbels (13.03.), Ermächtigungsgesetz (Der Reichskanzler, Hitler, kann ohne Zustimmung des Reichstags Gesetze erlassen, 24.03.).

Schild
Bereits am 28. März 1933 zersplitterten unter Steinwürfen in Göttingen Schaufenster von jüdischen Geschäften. Am 01. April wurde der „spontane“ Reichsboykotttag gegen die Juden zentral organisiert. Und das, was an jenem Tage in Angerstein geschah, das ist überliefert worden:

Der Parenser Mühlenbesitzer Albert Traupe kam zu Fuß nach Angerstein, um ein Fell, von einem Schaf oder einer Ziege, dem Händler Max Hahn zu verkaufen. Da baute sich breitbeinig, mit verschränkten Armen ein SA - Mann vor ihm auf (SA - Sturmabteilung) und verwehrte ihm den Zugang.
Albert Traupe versuchte vergeblich verständlich zu machen, dass er nun wirklich nicht den ganzen Weg von Parensen her umsonst gemacht haben wollte. Ein Wort gab das andere, bis dann der Ausspruch gefallen sein soll „Ihr Ar…löcher von der SA!“. Der Müller machte sich auf in Richtung Bovenden und verkaufte dort das Fell. (Der SA-Mann, übrigens, soll kein Angersteiner gewesen sein.)

Nur andeutungsweise können wir erahnen, was in den Köpfen und Herzen der Familie Hahn vorgegangen sein mag, der das Geschehen vor ihrem Haus nicht entgangen sein konnte!

Zurückgekehrt auf dem Feldweg über die Rauscher Brücke in Parensen, erwartete Albert Traupe ein SA-Rollkommando (Harster sollen es gewesen sein.) Er wurde zusammengeschlagen, anschließend in „Schutzhaft“ genommen und nach Göttingen gebracht. Zurückblickend sah Müller Albert Traupe Rauch aufsteigen. Was er nicht in diesem Augenblick wusste, war, dass es sein Schuppen war, der da brannte. (Der Innenminister und somit Herr der Polizei hieß seit dem 30. Jan.1933 Hermann Göring. Er gründete eine ‚Hilfspolizei’, rekrutiert aus SA - Leuten.)

Nach dem Krieg, 1949, kamen die geschilderten Geschehnisse vor ein Göttinger Gericht, und die Verantwortlichen wurden bestraft.

Was aber wurde aus Max Hahn und seiner Familie, der Mutter Gitta Sara, dem Vater Simon, seiner Frau Frieda, der Tochter Eva (geb. 12.08 1930 in Nörten - Hdbg.) und dem von ihnen aufgenommenen Pflegesohn Max Jürgen Rosenstein (geb. 12.08.1930 in Göttingen)???

In zunehmendem Maße verschlechterten sich die Lebensbedingungen von Hahns. Die 1935 erlassenen Nürnberger Rassegesetze definierten, wer Jude sei, und bestimmten, dass Juden keine Reichsbürger sein könnten: Sie verloren alle staatsbürgerlichen Rechte. - Ein Angersteiner Lehrer, der nach 1945 in Angerstein noch über Jahre hinweg eine bedeutende Stellung einnahm, soll beim Vorbeigehen am Hahnschen Hause seine Schüler jenes Lied anstimmen lassen, in dessen Text von jüdischem Blut die Rede ist, das vom Messer tropft. Andererseits unterstützte insgeheim die seit 1937 in Angerstein wohnende Gastwirtin und Kauffrau Marga Köhring die notleidende Familie mit Lebensmitteln, sich selbst dabei gefährdend. Dann mussten Hahns ihr Haus zu verkaufen.

Foto Denkmal in Hannover
Eingehende Nachforschungen über ihr weiteres Schicksal sind schwierig anzustellen. Doch liegen behördliche Abmeldungen vor: Nach Hannover, Klagesmarkt 7, von (Moses) Max Hahn am 01.04.1939 und von Eva Hahn am 10.03.1939, am selben Tag von Frieda nach Hannover, Körnerstr. 5. Diese Adressen stehen für damalige Sammelpunkte, von denen aus jüdische Menschen deportiert wurden. - Und die anderen Familienmitglieder?

Geht man in Hannover vom Kröpke aus die Georgstraße hinunter in Richtung Opernhaus, so steht man dort nach wenigen Schritten vor einem großen steinernen grauen Denkmal: Eingraviert sind viele, viele Namen jüdischer Opfer der von Nationalsozialisten organisierten Massenvernichtung aus Niedersachsen. Die Namen sind alphabetisch geordnet, so können wir unschwer wenigstens die Namen von zwei Angersteinern finden.

Inschrift


Druckversion anzeigen



Angerstein - früher und heute
Weitere Informationen ...
Ortsgeschichtsbuch

Weitere Informationen ...
Chronik OHV Angerstein
Weitere Informationen ...
Weitere Informationen ...