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Neue Heimat für ein Bauerndorf
Am 4. Juni 1964 wurde im Göttinger Land in der Gemarkung Angerstein der Grundstein für das Flüchtlingsdorf „Neu-Bösekendorf" gelegt. In dieser einmaligen Flüchtlingssiedlung in der Bundesrepublik fanden eine neue Geborgenheit 35 Bauernfamilien, die im Herbst 1961 und im Winter 1962/63 unter dramatischen Umständen ihre nur 40 Kilometer von hier entfernte alte Heimat verlassen hatten und über die zum Teil schon verminte Grenze bei Nacht und Nebel in den Nachbarkreis 'Duderstadt geflüchtet waren.

Foto Neu-Bösekendorf

„Ich baue Euch eine neue Heimat", hatte Lagerpfarrer Scheperjans gesagt, als sie in Friedland ankamen. Er hatte über 50 000 persönliche Bittbriefe verschickt und einen umfangreichen Papierkrieg ausgefochten, bis es zur Grundsteinlegung an dem sonnenbeschienenen Junitag in Neu-Bösekendorf kommen konnte, Über 300 000 DM Spenden hatte er, auch nach vielen Predigten, in denen er das Los der geflüchteten Eichsfelder Bauernfamilien schilderte, zusammengebracht. Das sind fast 10 v. H. der Gesamtkosten für die Siedlung, deren 35 Häuser von der Niedersächsischen Landgesellschaft mit einem Kostenaufwand von 3,5 Millionen DM gebaut wurden. Die Grundstücke wurden den Bösekendorfern von Scheperjans geschenkt. Über ihre Verteilung wurde man sich auf besondere Weise einig. Im November 1963, als die endgültige Planung festlag, hatte Scheperjans seine Bösekendorfer Gemeinschaft ins Friedlandlager zur Verlosung der neuen Siedlerstellen eingeladen. Ein Griff - in den Hut des Lagerpfarrers schenkte ihnen die neue Heimat. Jeder zog mit' seinem Los die Nummer seines Grundstücks. „ Wir können es kaum fassen", sagten die Eichsfelder damals, als sie anschließend nach der Verlosung anhand des Lageplanes studierten, wo sie wohnen und wer wessen Nachbar sein würde.

Und dann war es soweit, dass der Grundstein gelegt werden konnte. Mit den neuen Nachbarn freuten sich die „Alt-Angersteiner" am 4. Juni. Bundespräsident Heinrich Lübke, der das Werk persönlich gefördert hat, telegrafierte in einem Grußwort unter anderem:

„Neu-Bösekendorf trägt den Namen einer Gemeinde aus dem Eichsfeld, die in der ganzen Welt bekannt wurde, als die Hälfte ihrer Bewohner in einem Treck den Stacheldraht und den Todesstreifen an der Zonengrenze überwand. Neu-Bösekendorf wird den Siedlern zu einer neuen Heimat werden, in der die Sehnsucht nach dem Eichsfeld und nach dem widerrechtlich von uns getrennten mitteldeutschen Land nicht erlöschen wird. Mögen in seinen Bewohnern immer der Mut, die Tatkraft und die Opferbereitschaft lebendig bleiben, die bei der abenteuerlichen. Begründung dieser Gemeinde überall in der Welt bewundert wurden!"

Mit vielen anderen Gästen waren zur feierlichen Grundsteinlegung auch der Bischof von Hildesheim, Heinrich Maria Janssen, sowie Bundesvertriebenenminister Ernst Lemmer und der, niedersächsische Sozialminister Kurt Partzsch gekommen. „Ein Mahnmal der kündenden 'Liebe" nannte der Bischof Neu-Bösekendorf, das in unmittelbarer Nachbarschaft an die letzten Angersteiner Häuser in wunderschöner Lage am sanften Berghang gebaut wurde, von dem der Blick weit ringsum in das Leinetal geht.

Foto Neu-Bösekendorf

Bundesminister Lemmer sagte bei der Grundsteinlegung unter anderem, ohne selbstzufrieden zu sein, solle man sich doch freuen, dass es gelungen sei, in den vergangenen 19 Jahren immerhin 12 Millionen Flüchtlinge und Heimatvertriebene einigermaßen -menschenwürdig in der Bundesrepublik einzugliedern. Das sei nicht nur vom Bund, von den Ländern und den Kommunen, sondern letztlich auch mit Hilfe der karitativen Vereinigungen und durch den Opfersinn des Volkes möglich gewesen. Die Eingliederung werde später einmal als Pluspunkt der deutschen Nachkriegsgeschichte gewürdigt werden. Die 35 Siedlungshäuser enthalten auch je eine Einliegerwohnung, so dass die Bösekendorfer auch weitere Eichsfelder Flüchtlingsfamilien in ihrer neuen Heimat unterbringen können.

Bauern verlieren mehr als Angehörige anderer Berufe; wenn sie ihre Heimat aufgeben. Sie werden trotz allen fachlichen Könnens bei uns immer weniger verdienen als Angehörige anderer gewerblicher Berufe, für die heute genügend Arbeitsplätze zur Verfügung stehen. Darum setzte Pfarrer Scheperjans mit Helfern und Freunden der Caritas alles daran, den Bösekendorfern wenigstens wieder Siedlungsgrundstücke in der neuen Heimat zu verschaffen. Und darum will er auch mit der gleichen Beharrlichkeit als zweites eine neue Siedlerheimat für 75 vertriebene ostpreußische Bauern aus dem Ermland schaffen. Sie sollen in Cloppenburg gemeinsam siedeln. Die Stadt Cloppenburg, so sagte er bei der Grundsteinlegung von Neu-Bösekendorf, und das Bischöfliche Offizial haben ihm das Gelände schon zu günstigen Bedingungen zur Verfügung gestellt. Und die Bösekendorfer, so sagte Bauer Heinrich Rhode in ihrer aller Namen, wollen bei dem Bau der neuen Heimat für die Ermländer helfen; denn sie wüssten, was es heißt, heimatlos zu sein.


Aus: Südhannoverscher Heimatkalender - 1965 - Von Thea Herfeld, Göttingen

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